R.I.P. AKRON

Oktober 12, 2017 in Allgemein

Aus aktuellem Anlass, respektive als Andenken hier ein Text, den ich vor einigen Jahren zum 60igsten Geburtstag von AKRON verfasste:

Akausal Kontinuierliche Räumlichkeiten Okkulter Nibelungen,

oder eine AKRONnyme Betrachtung des C. F. Frey

aus der saturnischen Perspektive.

Sign of AKRON

„Erleuchtung erlangt man durch das Erkennen der eigenen Dunkelheit.“

Carl Gustav Jung

Den ersten Eindruck vom sagenumwobenen, morphologischen Feld des AKRON erhielt ich durch eine Reportage im Schweizer Fernsehen. Bereits durch die Quintessenz des Daseins infiziert, besessen von meiner visionären Idee des „Opus Magnum“, bot mir diese aus dem Nichts auftauchende Erscheinung, urplötzlich weitere Seelennahrung um meine dahin strebende, utopische Vorstellungswelt beträchtlich zu erweitern und verfeinern.

Zum einen nutzte ich nun sein, mit Hajo Banzhaf verfasstes, Handbuch über den so genannten Crowley-Tarot, wodurch sich mir einige mysteriöse Rätsel aus dem Buch Thot[1] erhellten. Es förderte mein Verständnis für diese Arbeit massgeblich, denn auch wenn es vom magisch-künstlerischen Standpunkt aus betrachtet keine wirklich großen Erneuerungen brachte, war es auf der journalistischen Ebene brillant recherchiert.

Ein weiterer Aspekt seines Werkes, der mich auf der neurolinguistischen Ebene prägte wie sonst kaum ein Ding, war seine symbiotisch Verschmelzung mit dem Necrokosmos von HR Giger. Das Tarot der Unterwelt öffnete in mir ein Portal zu den tiefsten Abgründen meiner Seele, versorgte jene kleine, stets vom Tode bedrohte Flamme die „Das großen Tier“ in mir entfachte mit einer Unmenge an Sauerstoff, so dass daraus ein Inferno entstand, welches mich gänzlich verschlang.

Schier unzählige Stunden vertiefte ich mich des Nachts in dieses schier extraterristische Meisterwerk, verschlang ich die düsteren Zeilen dieser Lektüre und ergötzte ich mich an der gewaltigen Bilderwelt, welche ich als transzendenter Spiegel meiner Selbst erkannte. Es ist somit eines jener seltenen und überaus wertvollen Bücher, die einen direkten und unmittelbaren Zugriff auf mein Unbewusstes in sich verbargen, folglich eine Schrift die auf antizipatorische Weise in mir wirkte, um genau das zum Ausdruck zu bringen, was tief im Abgrund meiner Seele verborgen lag und mit brachialer Gewalt an die Oberfläche des Bewusstseins dringen wollte.

In meinem eigenen Schatten, der unendlichen Sehnsucht nach vollkommener Liebe und absoluter Kontrolle, kristallisierte sich im schwach schimmernden Licht der Dunkelheit ein Bild heraus, manifestierte sich eine konkrete Vorstellung des „Lapis exillis“ in meinem Geist, die von nun an mein gesamtes Dasein bestimmte. Jeder Atemzug, jedes zwinkern der Augen unterwarf ich dieser Idee, mein Wille konzentrierte sich bis und mit dem letzten Tropfen Blut auf diese eine, alles überstrahlende Vision.

Als ich dann vor Jahren, als scheuer und verwirrter Knabe, zum ersten Mal vor dem düster-romantischen Märchenschlösschen am Ruhberg stand, konnte ich mir noch nicht einmal im Geringsten vorstellen, was sich mir hinter seiner Eingangspforte auf der metaphysischen Ebene offenbart. Ziemlich aufgeregt, denn der Geist von AKRON beflügelte meine Phantasie ja bereits seit einiger Zeit und nährte meine Hybris, als dunkler Engel den Thron des Baphomet zu besteigen, betätigte ich nun den Klingelknopf um Einlass zu begehren.

Mein Wunsch wurde erhört und so kam ein zauberhaftes Hexenweib vor die Tür, um mich in Empfang zu nehmen und mir einen ersten, persönlichen Einblick in die phantastische, beinahe surreal anmutende Welt des C. F. Frey, respektive AKRON zu gewähren.

Nebst dem Umstand, dass mir an diesem Tag eine Welt eröffnete wurde die einen klischeehaften Kontrapunkt zur, mir damals so verhassten Gesellschaft setzte, fand ich dort zum ersten Mal einen Menschen der meinen Irrsinn nicht mit Ignoranz bestrafte, sondern mit väterlicher Liebe und einem rasiermesserscharfen, analytischen Geist sezierte um ihn zu relativieren.

Obwohl ich nicht einmal die Hälfe dessen verstand, was er mir in seiner ganz eigenen, die Struktur übergreifenden, sprachlichen Ausdrucksform – welche für Aussenstehende nur äussert schwierig nachzuvollziehen ist – versuchte zu vermitteln, suhlte ich mich zum ersten Mal in der Gewissheit, dass ich eine Person gefunden hatte, die über eine genügend grosse kognitive Auffassungsgabe verfügte, um meinen Individuationsprozess zu verstehen. Charles schaffte es damals mit seinem psychonautischen Hexenzirkel, dem Templum Baphomae, mir ein Gefühl der Geborgenheit in dieser, mir so befremdlich wirkenden, irdischen Sphäre zu vermitteln.

Meine Vision jedoch, mein Traum der sich durch sein Dasein weitere Bezugspunkte zur Realität ausschmückte, die sich unter anderem in jenem Magier mit den rot leuchtenden Augen manifestierten, welcher durch sein Ornat verborgen den Uräus-Stab vor seinem Körper trägt, um sich in der alchemistischen Hoch-Zeit als eselsköpfige Herrschergestalt neu zu gebären, behandelte er mit einer beharrlichen Schweigsamkeit. Auch ich sprach nicht darüber, sondern liess mein vom Wahn dominiertes Bild lediglich ab und an in einigen, an ihn gerichteten Schriftstücken klar und deutlich durchschimmern. Diese Sendeschreiben im dunklen Licht meiner Wesenheit, welche ein hilfloser Versuch waren um meine stark neurotisch geprägten Vorstellungen auf eine Ebene der Verbindlichkeit zu führen, waren aber wie bereits erwähnt, nie wirklich thematischer Gegenstand unserer Diskussionen und blieben darum stets vom nebulösen Schleier der Ungewissheit umgeben.

So verging für mich einige Zeit im Spannungsfeld zwischen inspirativer Nährung meines Schattens, in der heimlich jubilierenden Hoffnung als das anerkannt zu werden, was ich meinte zu sein, und der ständig wiederkehrenden und grausam  ent-täuschenden Erkenntnis das mein „Opus Magnum“ auch in diesem Dunstkreis auf keine handfeste Unterstützung stiess. Im Unterbewussten riss mir dies Stück für Stück einen Teil meiner verträumten, utopischen Vorstellungswelt aus meinem Herz und in mir erwuchs daraus so langsam die bittere Einsicht, dass ich auch hier nicht das finden würde, wonach es meine Seele schon so lange dürstete. Als mir AKRON dann eines Tages, entgegen den üblichen Gepflogenheiten diese Thematik auszuklammern, vertraulich unter vier Augen mitteilte, dass meine Bestrebungen ein Ding der Unmöglichkeit seien, erschien mir in ihm das orphisch geprägte, metaphysische Bild von Chronos. Zum einen entmannte er in mir den Vater, welcher ihn unabhängig von den zeitlichen Geschehnissen her in seiner spielerischen Phantasie als Sohn adaptierte, zum anderen verschlag er sein, in den kausalen Verstrickungen gefangenes Kind.

Einige Zeit später flackerte im Zusammenhang mit einer Buchvernissage im Museum Baviera – wo sich das magisch-okkulte Triumvirat meiner phantastischen Wahrnehmung der Realität zum ersten und bis anhin letzten Mal begegnete – zwar noch einmal ein Funken der Hoffnung in mir auf, doch es stellte sich rasch heraus, dass es wieder einmal an der Zeit war, mich vollständig in die verlockende Stille der Einsamkeit zurück zu ziehen. Mein Geist war erneut in einen leeren Raum eingetaucht, verlor sich in der Nichtigkeit meiner absolutistischen Gedankenwelt, die sich ein weiteres Mal als Hirngespinst entpuppte.

Nun tauchte ich unbewusst in den alchemistischen Prozess des Solve et Coagula[2] ein, um mich erst einmal von meinen übersteigerten Erwartungen und kindlichen Träumereien zu lösen. Mein Weg führte mich in dieser Zeit zwar an manch einem Ort vorbei, doch alles was sich mir eröffnete, trug einen schalen Geschmack in sich, war von einem dichten, grauen Nebel umgeben, der mein einsames Herz nicht vermochte zu berühren. Meine Situation kam einer Verdammung gleich, denn auf der einen Seite vermisste ich die glücklichen und äußerst bereichernden Momente im Dunstkreis des großen Magierphilosophen sehr, aber auf der anderen wusste ich nur all zu gut, dass mir ein weiterer Kontakt mit diesem Hexenzirkel noch mehr Verletzungen bereitet hätte, respektive als Preis die Aufgabe meines Selbst forderte.

Einmal mehr suchte ich schützenden Halt in der dunklen Nacht, machte ich sie zu meinem Uterus, der mir die Geborgenheit verlieh, um mich auf meinen ureigensten Wesenskern zu konzentrieren. Als es mir dadurch gelang, die schier ewig währende Lethargie über die ohnmächtigen Erscheinungen dieser trostlosen Welt zu assimilieren, sie ihre Bestimmung über mein Sein begann zu verlieren, stieß ich urplötzlich und vollkommen überraschend auf eine alte, magisch-mystische Familienbande, die mir in meiner Abgeschiedenheit die notwendige Kraft spendete, um die Einsamkeit als Bereicherung zu erkennen und den einst eingeschlagenen Weg – nun gelöst von den emotionalen Bindungen – weiter zu verfolgen.

An diesem neuralgischen Punkt, an dem das Reich meiner Träume wieder einmal mit einer Feder der Maat[3] aufgewogen wurde, gelang es mir ein Fundament zu finden, um meine künstlerische Arbeit in konstruktive Bahnen zu lenken. Die Priesterschaft des Saturns betete mich in ein inspiratives Umfeld ein, welches meinen Willen von der Gier nach Ergebnissen löste, ohne ihn jedoch in seiner Quintessenz zu verändern.

Des Weiteren transformierte sich dort so langsam meine misanthropische Haltung, denn auch wenn mir jetzt die Masse der Menschen noch immer nicht sympathischer erschien als vorher, erkannte ich nun auf einmal die Wichtigkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen, fand ich heraus, dass es durchaus eine Bereicherung ist, wenn man ein Umfeld hat für das es sich lohnt einzustehen, weil sie ebenfalls daran interessiert sind, sich nicht kampflos den ohnmächtigen Widrigkeiten dieser Erde hinzugeben, die Trennung von Subjekt und Objekt nicht als sakrosankt anerkennen.

Kurz und bündig, aus dem einst scheuen und verletzlichen Knaben erwuchs eine eigenständige Persönlichkeit, die sich nicht mehr nur mit Vorsätzen zufrieden gab, sondern die Kraft besaß, um ernsthaft und konstruktiv am eigenen Selbst zu arbeiten.

Den ersten flüchtigen Kontakt nach diesem unfreiwilligen Bruch, mittlerweile waren einige Jahre vergangen, nahm ich erst dann wieder mit ihm auf, als ich das Manuskript meines ersten Buchprojektes vollendete. Die erneute Annäherung erfolgte zwar nur zögerlich und mit der Wahrung einer gewissen Distanz, aber ich fühlte mich ihm gegenüber nun emanzipiert und mit dem Grund für mein damaliges Scheitern konnte ich jetzt endlich den inneren Frieden schliessen. Der einstige Schmerz hatte keinen Bestand mehr und verblasste in der Nichtigkeit der Dinge, löste sich im Ozean der Empfindungen auf.

Einen wirklich guten Draht – der mir einiges an Einsichten vermittelte und mich wieder begann in einem erheblichen Mass zu bereichern – fand ich jedoch erst wieder zu AKRON, als wir uns während den Recherchen für sein neues Buch, den Crowley Tarot Führer, in Verbindung setzten.

Nebst dem Umstand das mir seine Kritik – wobei ich hier unbedingt erwähnen muss, dass ich solche nur von äusserst wenigen Personen wirklich ernst nehme – für mein damals frisch erschienenes Erstlingswerk, mit dem ich selbst nur bedingt zufrieden bin, als sehr wichtig, soziologisch ermunternd und relativistisch gesehen fair erschien, häuften sich in der Rekonfiguration mit seinem Kraftfeld die Synchronizitäten meines eigenen Werkes. Es öffneten sich mir auf mannigfaltige Weise einige Türen und Tore, die für mich von bedeutender Wichtigkeit sind und mich voraussichtlich noch bis in die ewigen Jagdgründe hinein beschäftigen werden.

Erwähnt sei hier zum Beispiel der Nachlass von Albin Grau, dem Produzenten von Nosferatu – eine Symphonie des Grauens[4] und Mitbegründer der Fraternitas Saturni, denn auch wenn ich momentan noch nicht weiss, wie sich diese heikle Angelegenheit noch weiter entwickeln wird, war es mir schon eine überaus große Ehre, einige von seinen bis anhin für die Öffentlichkeit verschollenen Bilder im Original betrachten zu dürfen. Auf jeden Fall, auch wenn sich objektiv betrachtet diesbezüglich momentan nicht sehr viel tut, lasse ich mir noch ein Hintertürchen zur Abtei Thelema in Stein offen und denke, dass sich mit der Zeit das Schicksal fügen wird und ich diesen brillanten Schatz aus der Versenkung holen kann.

Ein weiterer, für mich sehr bedeutender Aspekt ist eine Person, die ich durch meinen Kontakt zu ihm schätzen und lieben gelernt habe. „Der Alchemist vom Säntis“, welcher in der direkten Nachfolge von Frater Albertus steht und den AKRON bereits seit Jahrzehnten mehr oder weniger intensiv begleitet, ist inzwischen fester Bestandteil meines Daseins geworden. Auch wenn wir beide von den Charakteren her zwei vollkommen unterschiedliche Personen sind, verbindet uns auf der metaphysischen Ebene ein enges Band der Vertrautheit, basiert unsere tiefe Verbundenheit meiner Ansicht nach auf einer schicksalhaften Begebenheit, deren weiterer Verlauf ich zum Zeitpunkt dieser Niederschrift noch nicht im Geringsten abschätzen kann.

Im Austausch mit Urs Tremp, dem oben erwähnten Alchemisten, wurde ich natürlich in die Lage versetzt, einige Aspekte aus dem Leben von Charles durch eine Perspektive zu betrachten, die weit in seine Vergangenheit zurückreicht und mir einiges vor die Augen führte, was mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht richtig bewusst war.

Gegensätzlich zu den bisherigen Wahrnehmungen aus meinem persönlichen Kontakt mit ihm, in denen er mir stets als väterlicher Freund mit grossem Herzen begegnet ist, kamen da auch Seiten von ihm zur Sprache, die mir den Schatten seiner Selbst vor die Augen führten. Bis anhin lenkte ich meine Aufmerksamkeit nie wirklich groß auf seine Unzulänglichkeiten, sondern beschäftigte ich mich viel mehr mit meinen eigenen Projektionen, aber nun erkannte ich auf einmal, dass auch er eine riesig große Bürde mit sich herumschleppt.

Er hat zwar ein überaus scharfes Auge um persönliche Befindlichkeiten zu erkennen und analysieren, ist zweifelsohne ein profunder Kenner der menschlichen Psyche, schaut man jedoch ein wenig näher hin, fällt einem auf, dass es ihm ab und zu an der nötigen Portion Empathie mangelt. Folgt ein Gegenüber welches in seinem Einflusskreis steht, nicht seinen Ratschlägen und seiner Meinung, bereitet ihm dies teilweise große Mühe und er kann es manchmal nur sehr schlecht akzeptieren, was logischerweise zu einem großen Konfliktpotenzial führt. Auch wenn er oft im Recht sein mag und sich sein Wesen diesbezüglich schon sehr stark besänftigt hat, wird es wohl seine Lebensaufgabe sein, den Menschen in seinem näheren Umfeld – für die er alle eine gewaltige Bereicherung darstellt – den benötigten Freiraum zu gewähren. Auch wenn mich dies selbst nur marginal betrifft, rate ich dem Charles lieber einmal einen Schritt hinter seine eigene Meinung zu stehen, als immer gleich mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, denn das schont die Nerven ungemein.

Die vorangehenden Zeilen sollen nun nicht als Vorwurf oder negative Bewertung seiner Person betrachtet werden, eher im Gegenteil, diese menschlichen Züge machen ihn, den grandiosen Denker und Philosophen, der überaus tief in die unendlichen Gefilde des Geistes eingedrungen ist, wieder etwas greifbarer, damit wir nie vergessen, dass auch er im Endeffekt nur ein Mensch ist der wie alle anderen, sowohl Stärken als auch Schwächen in sich verbirgt.

Somit schliesse ich nun diese kurze Abhandlung, in der ich meine Erfahrungen und Sichtweisen über den Geist des AKRONS darlegte, und gratuliere dir mein lieber Charles von Herzen zu deinem sechzigsten Geburtstag. An die Glückwünsche geknüpft ist ein grosser Dank für alles, was ich durch dich und dein Werk erfahren und lernen konnte, aber auch für den Umstand, dass ich dich auf so wundersame Weise für meine Projektionen missbrauchen durfte.

Das Saturn-ALien

Porträt AKRON[1] „Das Buch Thot“ ist die schriftliche Erweiterung der Tarotzeichnungen, welche Lady Frieda Harris unter der Anleitung von Aleister Crowley erstellte.

[2] Ist eine Schlüsselformel der Alchemie, welche das trennen oder auflösen und das anschließende zusammenfügen zu einer neuen, gereinigten Eigenschaft beschreibt.

[3] Maat (ägyp.) = Wahrheit; bei den alten Ägyptern eine Göttin mit Straußenfedern auf dem Haupt als Symbolfigur der Wahrheit und Weltordnung, die Göttin des Rechts. Miers, Horst E.: Lexikon des Geheimwissens. München 1993, S.: 393.

[4] Regie führte F. M. Murnau, Albin Grau übernahm die künstlerische Oberleitung, betätigt sich als Architekt und Kunstmaler.