Eros und Thanatos

Das Konzept von Eros und Thanatos entstammt ursprünglich der Trieblehre von Siegmund Freud, welche davon ausgeht, dass das menschliche Verhalten durch Urtriebe erzeugt und gesteuert wird. In der ersten Version seiner Lehre gab es nur den Lebenstrieb (Eros = griechischer Gott der Liebe), welche später, wohl durch die Arbeit von Sabine Spielrein (zeitweilige Geliebte von C. G. Jung) angeregt, durch den Todestrieb (Thanatos = griechischer Gott des Todes) als ergänzendes Element vervollständigt wurde. Wer mehr über diese Geschichte erfahren möchte, dem empfehle ich den folgenden Film von David Kronenberg, der meiner Ansicht nach ein sehr interessantes und durchaus realistisches Bild davon zeichnet, wie sich die Entstehung der Theorie über Eros und Thanatos abgespielt haben könnte:

Auch wenn es in der Psychologie grosse Vorbehalte gegenüber dieser Theorie gibt, empfinde ich sie persönlich als sehr spannend und stringent, denn was sonst – als das Leben und der Tod selbst – soll einen grösseren Einfluss auf das Dasein eines Menschen ausüben?

Im Phänomen des Sado-Masochismus finden wir nun eine Mischung von Eros und Thanatos, von Liebe und Aggression in einer sehr reinen Form, weshalb ich BDSM als ein ausgezeichnetes Werkzeug erachte, um diese beiden Urtriebe zu verheiraten und im menschlichen Wesen fein austariert ins Gleichgewicht zu bringen. Diese Vereinigung der Gegensätze wiederum, stellt für mich eine unabdingbare Voraussetzung dar, um ein vollkommener Mensch zu werden, denn wenn das Sein nicht im Einklang mit der Natur steht, wo der Tag und die Nacht, die Lust und der Schmerz (welche beide sehr ähnliche, neurologische Vorgänge bewirken) als gegensätzliche Paare eine unzertrennliche Einheit bilden, wird es auch nie seine Erfüllung finden und sich auf ewig im Kreislauf von Leben und Sterben bewegen. Eine wirkliche Autarkie erreicht man nur, wenn man sich Jenseits der Dualität positioniert, respektive diejenige durch eine Verschmelzung der Gegensätze überwindet und sich dadurch dem Spiel von Actio und Reactio, also dem Wechselwirkungsprinzip entzieht.

Eros und Thanatos

Einmal ganz abgesehen von der Theorie werden mir all jene, welche es bereits schafften, den Schmerz mit Lust in ihr Sein zu integrieren, sicher zustimmen, dass diese Kombination von Gefühlen einen Raum vermag zu erschaffen, zu welchem man immer wieder zurückkehren möchte. Darum ist es auch nicht verwunderlich, dass sich viele religiöse Praktiken mit der Überwindung des Schmerzes beschäftigen (von der Selbstgeisselung über das Sitzen auf einem Nagelbrett bis hin zum Durchstechen der eigenen Haut mit Stahlhaken) und darin eine Möglichkeit erkennen, sich dem angeblichen Gott näher zu fühlen.

Der Suchtfaktor bei Drogen spielt übrigens oft auf einem ähnlichen Level, denn wenn man es erst einmal schafft, seinen eigenen Schmerz durch eine Substanz, wie zum Beispiel Alkohol oder Opiate, mit Lust in sein eigenes Sein zu integrieren, wird man auch sehr verlockt sein, diesen magischen Zustand möglichst bald wieder herzustellen. Im Gegensatz zu einer bewussten Konfrontation mit dem Schmerz, um sich der Angst vor ihm zu stellen und mit der Zeit zu lernen, ihn zu kontrollieren, besteht aber beim Konsum von Drogen häufig das Problem, dass man es mit ihnen zwar schafft, ihn mit Lust zu integrieren, aber nur selten ihn auch tatsächlich zu kontrollieren, denn sobald die Wirkung der entsprechenden Substanz nachlässt, kehrt er meistens auch wieder mit voller Wucht zurück.

Wer sich noch tiefer mit dieser Thematik beschäftigen möchte, dem sei hier ein Interview empfohlen, in dem sich die Performancekünstlerin Marina Abramovic zur Thematik äussert: „Die Mutter aller Schmerzen.“

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